Concerto Köln spielt 6. Sinfonie von J. W. Wilms beim Beethovenfestival 2002 (2.10.2002 im Kursaal Bad Honnef)



Rauer Wind bei Mozart

Concerto Köln mit einem furiosen Gastspiel beim Bonner Beethovenfest in Bad Honnef

Bonner Generalanzeiger (4.10.2002)

Von Bernhard Hartmann

Bad Honnef. Die Musiker von Concerto Köln sind nicht eben zimperlich, wenn es um die großen Klassiker geht. In Mozarts Haffner-Sinfonie, mit der sie ihr diesjähriges Beethovenfest-Gastspiel im Kursaal Bad Honnef eröffneten, gingen sie mit unerhört forschem Tempo zur Sache, setzten kräftige, klangvolle Akzente, ließen sozusagen einen rauen Wind durch die Partitur wehen. Und das mit der Präzision eines Streichquartetts.

Die Kölner können es sich leisten, ohne Dirigenten zu spielen. Das funktioniert auch im Solokonzert. Der in alter Musik erfahrene Pianist Andreas Staier fügte sich beim dritten Klavierkonzert Beethovens sicher in den Stil des Orchesters ein.

Er spielte auf einem ganz wunderbaren historischen Flügel, dem er - etwa im langsamen Satz - ätherische, zauberhafte Klänge entlockte. Dass er aber auch zupacken kann und dass sein Instrument das hergibt, hatte er zuvor im ersten Satz des c-Moll-Konzerts gezeigt.

Bei der niederländischen Erstaufführung des Konzerts vor gut 200 Jahren saß übrigens sein Kollege Johann Wilhelm Wilms am Flügel. Das wäre freilich nicht weiter von Interesse, wenn dieser Musiker nicht auch im Bad Honnefer Gastspiel von Concerto Köln als Komponist in Erscheinung getreten wäre.

Auf ihrer Suche nach vergessenen Komponisten des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, die in der Vergangenheit schon so manche Edelsteine zu Tage gefördert hat, stießen das Kölner Originalklang-Ensemble nun auf den 1772 im bergischen Witzhelden geborenen Komponisten, der sein aktives Musikerleben in Amsterdam verbrachte.

Dass dort vortreffliche Musik entstand, demonstrierte Concerto Köln mit der sechsten Sinfonie, die stilistisch der Wiener Klassik verwandt ist, aber eben auch schon romantische Züge aufweist. Etwa in dem sehr inspirierten Scherzo. Wenn es mit solchem Furor gespielt wird wie jetzt im Kursaal, dann machen solche Entdeckungen richtig Spaß. Genauso wie die Zugabe: ein Marsch von Anton Eberl.



Johann Wilhelm Wilms, Superstar aus Witzhelden

KSTA (8.10.2002)

Stolz kehrten Konzertbesucher von der Aufführung mit Kompositionen ihres Johann Wilhelm Wilms beim Beethovenfest Bonn zurück. „Ihr“ Heimkomponist Johann Wilhelm Wilms beim Internationalen Beethovenfest in Bonn - dieses Ereignis wollten die Witzheldener natürlich nicht verpassen. Ein Bus voller Konzertbesucher aus dem Höhendorf war dabei, als das Ensemble Concerto Köln Wilms' sechste Symphonie im schon Wochen vorher ausverkauften Kursaal von Bad Honnef aufführte.

Der Stolz auf den 1772 in Witzhelden geborenen und später in die Niederlande ausgewanderten bergischen Künstler, der seit seiner Wiederentdeckung vor wenigen Jahren zum Superstar der Witzheldener Kulturgeschichte aufgestiegen ist, wurde noch größer, als die Gäste die Programmänderung des Abends bemerkten: Wilms stand nicht nur, wie angekündigt, als erstes Stück quasi zum Aufwärmen vor den berühmteren Meistern Beethoven und Mozart, sondern er füllte den zweiten Teil nach der Pause und bildete so eher den Höhepunkt des Konzerts.

Kräftiger Applaus galt dem berühmten Sohn Witzheldens, berichtete Ulrich Braun, der Vorsitzende des Verkehrs- und Verschönerungsvereins und emsige Wilms-Förderer. Beim Einführungsvortrag, den der Bonner Musikwissenschaftler Ernst Klusen hielt, sei die Witzheldener Reisegruppe auch besonders begrüßt worden. „Vortreffliche Musik“ und „eine Entdeckung, die richtig Spaß macht“, lobte hernach der Rezensent des Bonner General-Anzeiger das „furiose Gastspiel“.

Braun ist nicht ganz unschuldig an der nun auch überregionalen Renaissance von Wilms, konnte er doch auch seinen Bruder, der eine Konzertdirektion in Köln betreibt, für den Komponisten begeistern. So lernte das renommierte Ensemble Concerto Köln den lange vergessenen bergischen Zeitgenossen Beethovens kennen. Mit der sechsten Sinfonie sind die Musiker derzeit bundesweit in den Konzertsälen unterwegs. Wie Braun erfahren hat, plant Concerto Köln eine Einspielung aller großen Wilms-Kompositionen auf einer CD, die bei der Deutschen Grammophon erscheinen soll. Eine steile zweite Karriere, 155 Jahre nach dem Tod des Witzheldener Organistensohnes. (hgb)


Voranküdigung aus Beethovenfestival Programm

Witzhelden im Bergischen Land: Das ist der Geburtsort des wichtigsten niederländischen Komponisten des frühen 19. Jahrhunderts, Johann Wilhelm Wilms. Als Neunzehnjähriger wanderte er 1791 nach Amsterdam aus, wo er bis zu seinem Tod 1847 lebte. Es war seine Vertonung von „Wien Neerlandsch bloed“, die im Jahre 1816 zur Nationalhymne gekürt wurde, und für seine sechste Symphonie erhielt er sogar einen hochdotierten Kompositionspreis – was Beethoven übrigens nie gelang.

Johann Wilhelm Wilms: Symphonie Nr. 6 d-Moll op. 58

Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll op. 37

Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonie Nr. 35 D-Dur KV 385 („Haffner-Sinfonie“)


Wilms: Sinfonie (Text aus dem Konzert-Programm)

"Der grösste Theil des Publicums scheint wenig zu achten, und keinen Begriff davon zu haben, was dazu gehört, ein gutes Musikwerk zu verfertigen: nur für die Ausübung hebt man Achtung und Beyfall, wie viel mehr Belohnung auf. Hätten Haydn, Mozart u.a. hier gelebt, sie würden das wol nicht geworden seyn, was sie waren; sie hätten hier den lieben langen Tag Unterricht geben müssen, wodurch ihr Genius, wo nicht erstickt worden, wenigstens abgemagert wäre," berichtete im Jahre 1815 ein nicht genannter Korrespondent aus Amsterdam der Allgemeinen musikalischen Leitung in Leipzig. Wer sich derart engagiert zur Stellung eines Tondichters in der niederländischen Kapitale äußerte, war kein geringerer als der angesehenste und meistaufgeführte Komponist jener Jahre in den Niederlanden: Johann Wilhelm Wilms. Dabei hatte sich für ihn alles so aussichtsreich angelassen, damals, 1791, als er dem kargen Kulturangebot seiner engeren Heimat den Rücken zukehren und die paradiesisch anmutende Musikszene Amsterdams für sich erkunden konnte.

Geboren 1772 im bergischen Witzhelden als Sohn des lutherischen Dorfschullehrers und Organisten und vom Vater, einem älteren Bruder und dem Pfarrer der Neunhundertseelengemeinde musikalisch angeleitet. versuchte der junge Wilms. Musikstunden in Lüttringhausen und Elberfeld erteilend, seine weitere Ausbildung a.ls Pianist, Flötist und Komponist selbst zu übernehmen. ehe er den großen Sprung nach Amsterdam wagte. in die ihm erreichbare Musikmetropole des nordwestlichen Kontinents. Georg Casper Hodermann, Jahre zuvor aus Sachsen eingewandert. wurde ihm hier ein guter Lehrer und der bestmögliche Cicerone durch das Amsterdamer Musikleben. So geriet Wilms gleich an die richtigen Adressen des privaten. halböffentlichen und öffentlichen Konzertwesens der Stadt und er muß wohl die entscheidenden Entrees mit Bravour gemeistert haben: man bewunderte seine Improvisationen am Klavier in den Salons, feiet- te ihn als Solisten fremder, dann auch eigener Klavierkonzerte in den Konzertsälen und schätzte ihn allenthalben als Orchesterflötisten. Wilms, der Pianist, war bald als Pädagoge begehrt, nicht viel später kam auch der Komponist als lehrer in Mode. Somit wurden die Fundamente seiner künstlerischen Existenz in Amsterdam ziemlich rasch errichtet solide und unverrückbar. Komponieren, von Wilms recht früh als zentrale Lebensaufgabe empfunden. mußte sich jetzt zunehmend von der Peripherie her behaupten und blieb auch in den zugewiesenen Nischen nicht ungefährdet. Geboten schien daher Kon- zentration auf das Wichtigste unter Berücksichtigung der speziellen Gegebenheiten Amsterdams, woraus sich weitgehendes Aussparen--der bis dahin ausschließlich ge- pflegten Kammermusik und eindeutige Bevorzugung von Musik für und mit Orchester ergab: Sinfonien waren gefragt und Solokonzerte für den pianistischen Eigenbedarf sowie für die befreundeten Virtuosen unter seinen Orchesterkollegen. Die kontinuierliche Entwicklung des Komponisten Wilms läßt sich am ehesten an seinen Sinfonien studiere(l, denn nur durch sie verlautbarte er bis ins Alter seine Mitteilungen an den inwendigen Menschen. Die ersten vier Werke dieser Gattung entstanden etwa in der Zeit nach Mozarts Tod bis zum Erscheinen der erst~n Sinfonie von Beethoven. Es sind schönste, in ihrem lichten Charakter recht unterschiedliche Beweise einer Begabung, die, unbefangen, selbstbewußt und dankbar den wegweisenden Änre- gungenHaydns und Mozarts vertrauend, stark genug gewesen ist, Hoffnungen auf Entfaltun- gen einer vielversprechenden Künstlerpersönlichkeit wie selbstverständlich zu erfüllen. Seit der Leipziger Erstaufführung seiner vierten Sinfonie (1806) erkannte man in Wilms auch international einen der geistreichsten, lebhaftesten und ausgebildetsten Künstler. Sein Ansehen, seine Hilfsbereitschaft,sein Pflichtbewußtsein machten Wilms jedoch zur unerläßlichen Institution im Amsterdamer Musikleben. Raum für freies Komponieren blieb ihm dabei immer weniger. Schon seine fünfte Sinfonie war erst nach längerer Pause entstanden, zwischen ihr und der sechsten lagen dreizehn Jahre, und die Arbeit an der siebten, seiner letzten Sinfonie hat Wilms erst nach weiteren fünfzehn Jahren abge- schlossen. Geblieben war durch die Jahrzehnte der Glaube an die Gültigkeit der Gattung Sinfonie, geblieben auch das Vertrauen 1n seine persönliche Art evolutionären musikali- schen Oenkens, das Gegensätlliches aus der Einheit entwickelt und zwischen Gegensätzlichem Gemeinsames entdeckt, erstarkt das Vermögen, die eigenwilligen Sätze einer Sinfonie inniger miteinander zu verknüpfen, unvermindert das Bedürfnis, Ideen früherer Kompositionen für die gegenwärtige Arbeit fruchtbar zu machen, so daß sich eine faszinierende Vernetzung der Sinfonien untereinander erkennen läßt: Wilms' sinfonisches Oeuvre als Zyklus zyklischer Werke.

Für seine sechste Sinfonie in d-Moll erhielt Wilms 1820 den ersten Preis der Societe Royale des Beaux-Arts et de Litterature in Gent. 1823 als Opus 58 bei Breitkopf & Härtel in Leipzig erschienen, ist sie die letzte seiner gedruckten. auch außerhalb der Niederlande aufgeführten Sinfonien. Und ab sofort die Nummer eins unter den Wilms-Trouvaillen von Concerto Köln.

Ernst A. Klusen


Ausgewählte Beiträge aus dem Studio Wuppertal
Gesendet am 29. Januar 2003 in "Resonanzen" auf WDR 3

Johann Wilhelm Wilms
Christian Sabisch

MUSIK aus dem 3. Satz, Flötenkonzert, Johann Wilhelm Wilms

"Meine erste Begegnung mit Wilms liegt unendlich lange zurück. Da war ich vielleicht 13, 14, 15 Jahre alt. Mein Vater leitete das niederrheinische Volkslied-Archiv, hatte einen alten Eichenschrank. Und da hab ich gefunden, einen Satz, gedruckter Orchesterstimmen zu den Orchestervariationen zu "Wilhelmus von Nassauen" von Johann Wilhelm Wilms. Ich spielte zu diesem Zeitpunkt Cello und stellte fest, in diesem Orchestervariationen gab's auch ein Solo-Cello, und ich konnte dann meinen Vater dazu bewegen, in dem Schulorchester dieses Stück mal zu spielen."

MUSIK " Wilhelmus-Variationen"

Zum Abschluss seines Studiums schrieb Ernst Klusen eine Dissertation über den Komponisten. Und forschte zunächst am Geburtsort von Johann Wilms im Bergischen Land.

"Ich bin einfach mal in die Kirche von Witzhelden gestiefelt. An alle Details kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ich weiß nur dass die Leute alle sehr freundlich und hilfsbereit waren, aber dass alles nicht so recht glauben konnten, die gingen sehr auf Distanz, wenn ich sagte: Ja, ja, das ist ein ganz bedeutender Komponist gewesen. In seiner Zeit war er mal richtig bekannt und er hat auch sehr, sehr gute Sachen geschrieben. Das konnten die sich gar nicht vorstellen."

Johann Wilms stammte aus ärmlichen Verhältnissen: Seine Mutter starb, als er vier Jahre alt war. Sein Vater, ein Dorfschullehrer und Organist brachte die Familie durch, indem er nebenbei Landwirtschaft betrieb und einen kleinen Kramladen führte. Bei seinem Vater lernte Johann Wilms Musiktheorie und Klavierspiel. Mit 19 Jahren beschloss er, nach Amsterdam zu gehen.

"Das war ultimative Adresse. Die ganzen Geschäftsleute und Fabrikanten des Bergischen Landes waren rein westlich orientiert. Deren Firmenfilialen lagen in Holland, in Bremen und in London. Von den Städten war Amsterdam die nächste. In Amsterdam lebten aufgrund des ständigen Transfers der wirtschaftlichen Beziehungen und des kulturellen Austauschs viele Deutsche, und Niederländisch war die verbreiteteste Fremdsprache im Bergischen Land."

Im Amsterdam nahm Wilms Unterricht in Harmonielehre und Komposition und hatte bald Erfolg als Pianist und Komponist, der auch für seine menschlichen Qualitäten bekannt war.

"Ein unglaublich verlässlicher, pflichtbewusster, treuer Freund. Er muss hilfsbereit gewesen sein. Und Unbestechlich. Wenn Musiker nicht ernst genommen wurden, wenn wohlhabende Dilletanten die Geschicke der Musik und der Musiker bestimmten, da konnte er ganz giftig und sarkastisch werden. Aus seiner Musik spricht ein starker Humor, das ist vergleichbar mit dem Humor von Haydn. Er treibt da richtige Spiele zwischen zwei oder auch mehr Musikern. Man sieht förmlich verspielte Situationen, wenn man hört, wie die sich die Motive abjagen. Er hat einen unglaublichen Eindruck als Improvisator hinterlassen, wobei solchen Bemerkungen der Zusatz folgt, sein Spiel sei alles andere als bloßes Herumphantasieren gewesen. Darauf fußte dann auch seine gesunder Karriere innerhalb Amsterdams."

Eine Karriere, die 56 Jahre andauerte. Sicher, ein Revolutionär war Johann Wilms nicht.

"Wilms will unterhalten, er will die klassische Sinfonieform nicht zerschlagen. Er will auch keine Programmmusik machen, er will auch nicht durch Anleihen in der Opernmusik die Musikgattung dramatisieren. Er bleibt bis zu seiner letzten Sinfonie vom architektonischen Grundriss her bei der Sinfonie des späten Haydn. Und was er darein packt und wie er damit umgeht und in welche Welten, in welche Sphären er da auch vordringt, das ist dann allerdings beachtlich."

In die niederländischen Geschichtsbücher ist Johann Wilhelm Wilms eingegangen als Komponist der ersten Nationalhymne. Nach dem Wiener Kongress entstand die Niederlande als Nationalstaat. Also musste auch eine Hymne her, die Johann Wilms 1817 schrieb und die von einer Jury ausgewählt wurde. Finanziert wurde das ganze Vorhaben durch einen greisen Seeoffizier.

"Die Sache ist ein bisschen peinlich, weil er war auch Mitglied in der Jury. Es war politisch überhaupt nicht korrekt. Der greise Seeoffizier verfügte über ein ziemliches Vermögen und organisierte die Popularisierung. Italienische Sängerinnen wurden aufgefordert, nach ihren Konzertarien das Lied zu singen, Glockenspieler bimmelten das von den Glockenspielen, in der Kirche wurde es gespielt auf den Orgeln. Hans von Bülow konnte sich nicht verkneifen, sie als Groschenbasaar-Hymne abzutun, was natürlich dem Nachruhm von Wilms auch nicht so besonders bekommen ist."

Als im vergangenen Herbst die 6. Sinfonie von Johann Wilms im Rahmen der Bonner Beethoven-Festes aufgeführt wurde, gründete Ernst Klusen mit andere Musikbegeisterten die "Internationale Johann Wilhlem Wilms Gesellschaft". In zahlreichen Quellen wie Programmankündigen tauchen Klavierkonzerten, Sinfonien, zwei Oboenkonzerten auf, die als verschollen gelten. Danach will die Gesellschaft nun suchen.

"Bei Wilms geht mit das so, dass ich mehr wittere als beweisen kann, dass hier einer zu anderen Sphären, zu anderen Ausdruckwelten aufgebrochen ist."


Johann Wilhelm Wilms - zur Herausgabe der Sinfonie Nr 7, c-moll

1772 als Sohn des lutherischen Schulmeisters und Organisten im rheinisch-bergischen Kirchdorf Witzhelden geboren und dort am 30. März getauft, erhielt Johann Wilhelm Wilms seine musikalische Ausbildung zunächst durch den Vater, dann von einem älteren Bruder und dem Pfarrer der Neunhundertseelengemeinde.

Die Flöte und vor allem das Klavier waren seine bevorzugten Instrumente, und früh schon - so ließ er einen Biographen später wissen - hat er damit begonnen, seine "Gedanken in mehrstimmigen Musikstücken zu Papier zu bringen."

Nach Aufenthalten als privater Musiklehrer in Lüttringhausen und Elberfeld übersiedelte Wilms 1791 in die Musikmetropole im Nordwesten des Kontinents, nach Amsterdam. Hier nahm er Unterricht bei Georg Casper Hodermann und erwarb sich in einflussreichen Salons der Stadt rasch den Ruf eines außergewöhnlichen Klaviervirtuosen und unerhörten Improvisators. Mit Aufführungen eigener Konzerte und solcher von Dussek, Mozart, Steibelt und Sterkel festigte er sogleich seinen Ruhm auch Amsterdams führender Klaviersolist zu sein.

Ab 1793 erschienen Druckausgaben seiner Kompositionen, und nun kam neben dem Pianisten auch der Tonsetzer Wilms als Lehrer in Mode.

1796 gründete Wilms mit fünf anderen jungen Berufsmusikern ein sich selbst verwaltendes Orchester, das Collège Eruditio Musica - die revolutionäre und überaus erfolgreiche Alternative zum herkömmlichen Konzertwesen in Amsterdam. Eine diesem Ensemble gewidmete Symphonie, sein opus 9 in C-Dur, brachte ihm schlagartig internationale Anerkennung.

Wachsendem Interesse an Neuerscheinungen von ihm konnte Wilms nur bedingt entsprechen, weil die den Unterhalt seiner Familie sichernden Verpflichtungen als Privatmusiklehrer wie als Flötist das Komponieren größerer Werke auf die orchester- und unterrichtsfreien Sommermonate beschränkten. So warfen denn Verleger bisher ungedrucktes Frühwerk - zum Teil mit zu hohen, Aktualität suggerierenden Opuszahlen versehen - auf den Markt und lösten dadurch Irritationen aus.

Wilms' Berufung in die gerade erst gegründete Akademie der Wissenschaften, Literatur und Schönen Künste zu Amsterdam (1808), der alles überbietende Erfolg seiner Wilhelmus-Variationen für Orchester (1813ff.) und endlich der Doppelsieg im Wettbewerb um eine Nationalhymne (1817) bescherten dem Komponisten im Inland enormen Zuwachs an Popularität - ein Geschenk von höchst zweifelhaftem Wert, da ihm nun noch mehr zeitraubende Ehrenämter und mäßig bezahlte Gelegenheitskompositionen angetragen wurden; sie beschlagnahmten jetzt auch den Rest jenes spärlichen Freiraums, den seine Tätigkeiten als Flötist, Pianist, Klavier- und Kompositionslehrer ihm in früheren Jahren noch für freies Komponieren übriggelassen hatten. So wurde es um "einen der geistreichsten, lebhaftesten und ausgebildetsten Künstler" (AmZ 1807) im Ausland allmählich stiller.

Seine Situation war ihm schmerzhaft klar: "Ich bin nur ein armer musikalischer Taglöhner", gestand er im Herbst 1823 dem in Amsterdam gastierenden Johann Nepomuk Hummel. Auch ein erster Preis der Société Royal des Beaux-Arts in Gent für seine nach langer Pause entstandene sechste Symphonie in d-Moll (1820) hatte daran nichts ändern können.

Nach dem frühen Tod seiner Frau (1821) organisierte Wilms den schrittweisen Ausstieg aus dem öffentlichen Konzertbetrieb - nicht aber aus all den anderen alten, zeitraubenden Verantwortlichkeiten. Neue Verpflichtungen kamen hinzu: 1823 trat er die Organistenstelle bei der Mennonitischen Gemeinde "Het Lam" an; zwischen 1824 und 1838 übernahm er ein- bis zweimal pro Jahr die Komposition großangelegter Festkantaten, und seit 1829 rechnete auch die Gesellschaft Toonkunst mit ihm als jederzeit verfügbarem Gutachter.

Durch ständigen Einsatz für das Bessere in der Kunst tief in die Verwaltung des Mäßigen verstrickt, fand Wilms mit Beginn der 1830er Jahre dennoch Kraft und Zeit für ein erstaunlich eigenwilliges Spätwerk: außer einer Konzert-Ouvertüre in E-Dur, drei Orchesterliedern und seinem zweiten Flötenkonzert, dem Concertino g-Moll, schrieb Wilms nun auch wieder - nach mehr als zehnjähriger Pause - eine Symphonie, die siebte und letzte, seine zweite in c-Moll. Deren glutvolle "Mitteilungen an den inwendigen Menschen" entstanden, als der Stern des sechzigjährigen Komponisten schon im Begriff war zu verlöschen und nur wenigen kleineren Arbeiten noch die Ehre einer Drucklegung erwiesen wurde.

So blieb auch Wilms' Siebte Symphonie Manuskript und dieses verschwand schließlich, nachdem ein einziger Satz daraus ein einziges Mal - auf dem Toonkunst Feest von 1836 - gespielt worden war. Während die Orchesterstimmen für diese Aufführung verschollen blieben, tauchte die Partitur nach einer Suchanzeige des Komponisten im Amsterdamsche Courant vom 24. Mai 1837 wieder auf und gelangte in den Besitz des Wilms-Schülers C.C. von Schmitt, der das Manuskript, zusammen mit neun weiteren Werken seines Lehrers spätestens im Jahre 1853 der Gesellschaft Toonkunst schenkte.

Herrn W.H.J. Dekker, dem Leiter der wissenschaftlichen Abteilung der Stichting Toonkunst-Bibliotheek in Amsterdam, sei an dieser Stelle für die Erlaubnis zur Erstausgabe der letzten Symphonie von Johann Wilhelm Wilms herzlich gedankt.

Bonn, im Januar 2003 Ernst A. Klusen



Concerto Köln im Kursaal Bad Honnef am 2.10.2002


Concerto Köln's Turkish delight (Gramophone Press Release 3.10.2002)

Period-instrument orchestra Concerto Köln has signed an exclusive five-year deal with Deutsche Grammophon.

The first recording from the collaboration will be a Turkish-themed disc called Dream of the Orient. Turkish-influenced music by Mozart, Gluck, Joseph Martin Kraus, and Franz Xaver Süssmayr will sit alongside works by Turkish composers Gazi Giray Han and Ali Ufki, plus traditional Turkish music performed with the Ottomanic early-music specialist ensemble Sarband.

DG Gesellschaft’s early-music label Archiv Produktion will release the CD early next year, and Concerto Köln and Sarband will tour the programme in Europe in 2003, followed by the US and a London Prom in 2004.

Other recording plans include works by Dutch composer of German birth Johann Wilhelm Wilms, Czech composer Josef Myslivecek, and a possible Classical arias recital with Czech mezzo-soprano and DG artist Magdalena Kozená.

Concerto Köln was founded in 1985 to explore 18th-century orchestral and operatic music, often by neglected composers such as Joseph Martin Kraus, Antonio Locatelli, Johann Baptist Vanhal, Anton Eberl, and Evaristo Felice Dall’Abaco. In 1992 they won the Gramophone Baroque Vocal Award for Handel’s Giulio Cesare conducted by René Jacobs (Harmonia Mundi, 4/92), and have also recorded for Teldec and Capriccio, among others.

Michael Lang, general manager of DG, said part of Concerto Köln’s appeal was their ‘interest in music and musicians from cultures beyond the Western-European classical tradition.’

Martin Cullingford, Gramophone News and Online Editor