Anmerkungen zu Johann Wilhelm Wilms

Die Hülsenbeckschen Kinder (1805/06) - Philipp Otto Runge (1777-1810)
(Kunsthalle Hamburg)

Wir erinnern uns: als wichtigster niederländischer Komponist galt in ganz Europa um 1815 -
ein gebürtiger Witzheldener.

Und: 1772 in Witzhelden geboren, müßte dieser Musiker als "immerhin der begabteste ...
rheinländische Generationsgenosse von Ludwig van Beethoven" gelten (Reichow 1997).

Johann Wilhelm Wilms: getauft in Witzhelden am 30.März 1772 als Sohn des Dorfschullehrers (Organisten, Küsters, 'Opfermannes') Johann Wilms und seiner zweiten Frau Christina Braches, hatte nach erstem Musikunterricht beim Vater diesen bald an der Orgel vertreten. Er wurde Musiklehrer in Lüttringhausen und, ab 1789, in Elberfeld. 1791 von einer Reise nach Amsterdam nicht mehr in die bergische Heimat zurückgekehrt, - was den brieflich informierten Musikervater wohl überrascht aber nicht befremdet haben dürfte -, erwarb Wilms dort schnell einen ausgezeichneten Ruf als wichtigster niederländischer (!) Klaviersolist sowie als Flötist im Orchester Felix Meritis; er war Mitbegründer der Musikgesellschaft Eruditio Musicae (1796) und arbeitete darüber hinaus (incognito) als Korrespondent der angesehenen Leipziger Allgemeinen Musikalischen Zeitung, für die auch etwa E.T.A.Hoffmann schrieb. Wilms war Mitglied des Koninklijk Instituut van Wetenschappen, Letterkunde en Schoone Kunsten (Amsterdam).

Klotten und Burg Coraidelstein (1839) - Joseph Mallord William Turner (1775–1851)


"Ich bin nur ein armer musikalischer Taglöhner." (Wilms 1823) Bei aller Bescheidenheit war Johann Wilhelm Wilms jedoch nicht zuletzt mit seiner Musik erfolgreich: "Verleger in Holland, aber auch in Deutschland, Dänemark und England druckten seine Werke. Im Ausland wie in Holland galt Wilms als der wichtigste niederländische Komponist ... . Seine 1816 komponierte und begeistert begrüßte Melodie für 'Wien Neêrlandsch Bloed' (Tollens), ein Lied, das nach der französischen Herrschaft das Nationalgefühl im neuen Königreich verstärken sollte, machte ihn auch außerhalb des Konzertsaales sehr bekannt." (de Reede 1998).

Wilms' musikalisches Œuvre umfaßt Klaviermusik, Kammermusik für Flöte, Streicher und Klavier, Lieder, 2 Streichquartette, Ouvertüren, Solokonzerte und 7 grosse Symphonien.

Bereits gegen Ende seines Lebens zieht sich Wilms beinahe völlig aus dem musikalischen Tagesgeschehen zurück; langjährige Vergessenheit scheint sich bereits anzukündigen, und seine Tätigkeit als Organist der mennonitischen Gemeinde Het Lam schließt den Kreis. Der große Witzheldener stirbt am 19.Juli 1847 in Amsterdam.

Abtei im Eichenwald (1809/10) - Caspar David Friedrich (1774-1840)
(Nationalgalerie, Berlin)

Die bislang beste und umfassendste Darstellung von Wilms' Leben und Werk, in Wilms' Muttersprache geschrieben, ist Ernst A. Klusens musikwissenschaftliche Dissertation, veröffentlicht 1975 im Verlag Frits Knuf (Buren):

"Johann Wilhelm Wilms und das Amsterdamer Musikleben" (1772-1847)

Auch für Dr. Klusen liegt Wilms im Jahr 2000 noch lange nicht ad acta: für ihn ist "die Wiedergewinnung des Komponisten Wilms (...) ganz ohne Zweifel wünschenswert fürs rezente Konzertrepertoire wie auch zum Wohle einer europäischeren Betrachtung der sogenannten Wiener Klassik". Im Rahmen des Konzertes in Witzhelden am 18. August 2000 beleuchtete er die Rolle und Bedeutung von Wilms in Vergangenheit und Zukunft neu.

Abendliche Rheinszene bei Köln (1826) - Joseph Mallord William Turner (1775–1851)
(Frick Collection, New York)

" Man muß sich schon der Mühe unterziehen, möglichst vorurteilslos, offen und neugierig möglichst vielen seiner Kompositionen zu begegnen und sich mit seinem Leben und Wirken soweit zu beschäftigen, um eine Ahnung wenigstens von seinem eigentümlichen Wesen, seinem besonderen Wollen zu bekommen. - Johann Wilhelm Wilms, der Dorfschullehrersohn aus dem Bergischen, war kein instrumentaler Fachidiot, kein oberflächlicher Tastenlöwe, sondern ein intellektueller Vollblutmusiker, belesen, vielseitig interessiert, engagiert in sozialen Fragen und denen moderner Berufsausbildung des musikalischen Nachwuchses, aktives Mitlied der Niederländischen Akademie der Künste und Wissenschaften, befreundet mit bildenden Künstlern und Theaterleuten. Kein Zufall, daß sein verbreitetstes Portrait ihn nicht mit Federkiel und Notenblatt oder Traversière und Fortepiano zeigt, sondern ein Buch in den Händen haltend. " (Klusen 2000)

Einen Musiker wiederbeleben kann man, wenn überhaupt, nur durch den Klang seiner Musik; selbst dem heimatkundlichen Interesse entgeht er viel leichter als etwa ein Maler oder Schriftsteller - denn seine Kompositionen müssen nicht nur aus den Archiven wieder ans Licht geholt werden, sondern auch auf die Notenständer und unter die Finger von Musikern gelangen.

Erst in der Folge dessen können und werden sich auf lokaler, regionaler, internationaler, europäischer Ebene weitere Motive für eine Beschäftigung mit dem Leben und Werk eines großen Sohnes herausbilden.

Die Aufführungsgeschichte der Wilmsschen Musik im 20. Jahrhundert ist kurz und beschränkt sich auch in den Niederlanden auf wenige Aufführungen von Sinfonien, Konzert-ouvertüren und Streichquartetten. Auch die Dokumentation der Wilmsschen Kompositionen auf Tonträger ist bislang beschämend, sowohl in der guten alten Zeit der Schallplatte als auch der Ära der CD.

Erwähnenswert sind Anstrengungen in Leichlingen (1995), wo man Wilms in die (Schriften-) Reihe der "Leichlinger Köpfe" einordnet, sowie das einzige Gedenkkonzert in den Niederlanden anläßlich von Wilms 150.Todestag im Jahr 1997; Julia Dickson auf der Traversflöte und J. Marc Reichow am Hammerklavier spielten damals Wilms im niederländischen Rundfunk.

" Ob er [Wilms] Witzhelden jemals wieder besucht hat, ist unbekannt, aber wahrscheinlich " - diese Spekulation eines Rezensenten anläßlich der Leichlinger Veranstaltung konnte dann endlich am 15.März 1998 emphatisch bejaht werden:

" Ab heute ist es gewiß! "

Text: Jan Marc Reichow

Zimmer aus der Biedermeierzeit (1815-1848)